Die Welt ist gar nicht so.

Sie ist ganz anders.

Archiv für Kategorie „Kunst“

6 Kommentare

Digital: Eine BBS-Romanze im Jahr 1988

Amie Workbench. Version 1.4.1. 42k free.
GibsonBBS
SysOp: Wintermoot
INVITATION ONLY
(714) 402-5591
Art by Wintermoot
Cyberpunk lives here

Normalerweise hätte ich das ja einfach in die nächste Linkschleuder gepackt, aber Digital: A Love Story ist einfach zu gut, als dass man es inmitten von Leseempfehlungen untergehen lassen darf. Es handelt sich bei diesem Spiel um eine Art Visual Novel, deren einziger Schauplatz jedoch der Desktop des Protagonisten ist, von dem aus dieser verschiedene BBS-Systeme anwählt und dort Nachrichten versendet und erhält. Gelegentlich enthalten diese nützliche Programme als Anhang, die im weiteren Verlauf des Spiels hilfreich sind, z.B. um den Gibson zu hacken.

Neben der genialischen Art und Weise, mit der Programmiererin Christine Love die VN-Engine Ren’Py nutzt, um ein immersives Retro-Betriebssystem zu schaffen, fällt vor allem die Qualität der Konversationen auf — damit das Szenario plausibel wirkt, hat Love auf der Archivseite textfiles.com recherchiert, wie damals kommuniziert wurde. Das Resultat ist emotional berührend in einer Weise, wie es bisher nur Jason Rohrer mit Passage und Gravitation gelang.

Digital: A Love Story ist verfügbar für Linux, Mac OS X und Windows; lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz BY-NC-SA.

Ein Interview mit der Programmiererin, entdeckt in den Spreeblick-Kommentaren.

erlehmann
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Wildunfall im Feuilleton

Schon erstaunlich, dass Axolotl Roadkill auf Krautchan kritischer bewertet wird als vom gesamten deutschen Hochfeuilleton, bestehend aus FAZ, Spiegel, Zeit, SZ usw., die das Buch einhellig euphorisch besprachen. Dabei sollte es doch eigentlich umgekehrt sein, denn:

Mir bereitet es keine Schwierigkeiten, dabei zuzusehen, wie einer Sechsjährigen bei vollem Bewusstsein gleichzeitig mit kochendem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und irgendein Schwanz in den Arsch gerammt wird, und danach verblutet sie halt mit weit geöffneten Augen auf einem Parkplatz — solche Sätze stehen in diesem Buch, ohne Verbindung zu dem, was vor ihnen, und dem, was nach ihnen steht […]

Gewaltfantasien, Pädophilie und Kopierpaste ? Kommt mir irgendwie bekannt vor. Und eigentlich ist es ja auch Zeit für den großen deutschen Coming-of-Im·age·board-Roman, 4chan-Style — zusammengewürfelt aus Fragmenten anonymer Erzählungen, nur echt mit urheberrechtsverneinenden Bildchen neben jedem zweiten Absatz. Nein, ein derartiges Buch hat die gefallene Literaturgöre leider nicht verfasst, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen …

Achja, zu Frau Hegemann: Angesichts ihres Angesichts zeigt sogar Bernd echte, ehrliche Emotionen:

Mir tut das Mädchen einfach nur leid. Eigentlich würde ich mich über so eine dämliche Plagiatorin köstlich amüsieren, weil ich ihr den Erfolg und das Mädchen-Sein neiden würde, aber die arme Helene ist so verdammt häßlich, dass da keine Häme aufkommen will.

Mit diesem groben und unförmigen Gesichtchen, der furchtbaren Haut und den dünnen und strähnigen Haaren könnte sie noch ein paar andere Mädchen häßlich machen. Sie wird nie der erotische Traum eines Jungen sein, was fast allen Mädchen gerade ihres Alters vergönnt ist, egal wie sehr sie sich auch anstrengt (ein dickes Mädchen könnte etwa abnehmen, aber sie..?), und der einzige Weg, nun doch etwas Achtung und Anerkennung zu bekommen, war diese Literatenkarriere, die nun so früh schon ein schmähliches und erbärmliches Ende gefunden hat.

Im Übrigen habe ich Axolotl Roadkill nie gelesen.

erlehmann
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Eine Geschichte aus Nordberlin

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber in letzter Zeit schlafe ich sehr schlecht. Eigentlich schlafe ich wohl gar nicht mehr richtig, aber ich bin auch nie richtig wach.

Manchmal, wenn ich mit offenen Augen im Bett liege, sehe ich Tristan in seinem Zimmer im Tiefparterre. Er sitzt vor einem alten Laptop und scheuert seinen Schwanz – vergeblich, denn seine Eier sind längst vertrocknet und sein Hodensack ist nur noch ein mit Staub gefüllter Beutel, der beim Gehen raschelt. Hin und wieder fließt eine Träne aus seinem lidlosen Auge, während er leise vor sich hin murmelt.

Ich weiß, er sucht nach dem richtigen Wort, um mich zu vernichten. Sobald er es gefunden hat, wird er mich anrufen, mir das schreckliche Wort ins Ohr brüllen und mein ohnehin angegriffener Geist wird in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Ich beobachte eine Spinne an der Zimmerdecke. Das Telefon klingelt. Ich bin verloren.

erlehmann
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Sarrazin-Zitate hausgemacht

Der Zentralrat ist empört über die menschenverachtende Menschenverachtung Thilo Sarrazins, vergleicht seine Denke mit Göring, Goebbels und Hitler, fordert seinen Rücktritt — und liegt in seiner Einschätzung im entscheidenden Detail falsch: Sarrazin ist kein Nazi, auch nicht Rassist, er unterteilt einfach die Menschen in systemnützlich und systemschädlich, ganz ohne Ansehen von Rasse, Herkunft oder Geschlecht. Und das er dies offen gefühllos, kaum konstruktiv (man denke an das Hartz-IV-Menü) und unzulässig pauschalisierend (Die Türken erobern Deutschland […]) kundtut, ruft (zu Recht !) die medialen Geier auf den Plan, die sich laben am frisch angerichteten Drama.

Dennoch: Zurückgetreten wurde er bisher nicht; das Ende der Fahnenstange ist logischerweise noch lange nicht erreicht. Da nicht abzusehen ist, dass der ehemalige Anti-Sozialsenator in Zukunft die Klappe halten wird, kann es also nur einen Weg geben, die sarrazinmäßige Flucht nach vorn — und nichts bietet sich hier besser an als strategisch-rhetorische Hilfestellung für weitere Missetaten, auf das das Maß hoffentlich schnell überschwappt. Hier also einige Vorschläge, was Sarrazin noch so sagen könnte (und ohne Auftreten einer unvorhergesehenen Schädigung des Sprachzentrums wohl wird):

Der Aufzug im Fernsehturm ist stecken geblieben und ich musste dort auch auf engstem Raum mit fremden Leuten ausharren. Ich kann das ganze Theater um die Sache nicht nachvollziehen.

— über Anne Frank

Ich kann ihnen versichern, dass eine solche Maßnahme die Arbeitslosen annähernd halbieren würde.

— über das Köpfen von Hartz-IV-Empfängern

Dennoch sollte man nicht vergessen, dass die Gesellschaft davon profitiert, wenn sich junge Menschen zusammentun und gemeinsam versuchen, die Stadt, in der wir leben, zu einem besseren Ort zu machen.

— über die Zunahme rechtsextreme Gewalttaten

Geben ist seliger als nehmen — das steht ja auch schon in der Bibel und daran hat sich vom Prinzip her bis heute nichts geändert.

— über die Gewaltvorwürfe gegenüber der Berliner Polizei

Weitere Vorschläge, Lobhudeleien, sowie Kritik am Konzept der Lächerlichmachung selbstgerechter Arschlöcher mittels erfundener Geschmacklosigkeiten bitte in die Kommentare (Stromberg-Ergüsse sind von der Wertung ausgenommen, passen aber ins Konzept).

Hallo Bernds. Hier steht nirgendwo, dass das originaler Inhalt wäre. Nur: Ein KC-Archiv gibt es nunmal nicht. Auch: Wusstet ihr, dass Schüttli mich gebeten hat, nicht mehr auf KC zu verlinken ?

erlehmann
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Spaß mit QR-Codes dank Fehlerkorrektur

QR-Codes sind zweidimensionale Barcodes, die bevorzugt mit Handys gelesen werden; produzieren kann man sie z.B. mit der frei verfügbaren Software qrencode. Interessant daran: Bei einem hohen Fehlerkorrekturlevel können bis zu 30% des Codes zerstört oder überdeckt sein — die Daten sind dennoch lesbar. Auf diese Weise ist es möglich, kleine Zeichnungen einzubetten, etwa so:

QR-Code, Inhalt: „Monogamie ist keine Loesung.“ QR-Code, Inhalt: „Monogamie ist keine Loesung.“

Aufmerksame linksliberale Unromantiker wissen natürlich, um welches Logo es sich hier handelt. War nun einmal das Erste, was mir eingefallen ist und sich recht einfach zeichnen lies. ;)

erlehmann