Eindrücke vom 29C3

Ort

Erster Eindruck: Das CCH ist riesig – sogar fefe fragte sich, ob er den großen Saal füllen könnte. Leerstellen gab es dennoch nicht; erdgeist verglich die Verteilung der Besucher mit einem idealen Gas, das alle Teile des Gebäudes erreichte.

Die Ausschilderung empfand ich als wenig hilfreich: Design-Spezialexperten hatten willkürlich Zeichen eingefügt, um jeden Text in ein CAPTCHA zu verwandeln; Beschriftungen lauteten {A}SSE.MB-L/Y: oder W:AR/DR_O{BE}. Die ersten beiden Tage irrte ich mehrmals über eine halbe Stunde durch das Gebäude, um Orte oder Leute zu finden.

Beim angebotenen Essen handelte es sich um fast food (etwa Currywurst mit Chili con Carne und Pulverkäse); dies sorgte dafür, dass ich noch Tage später Kot vom Typ 3 produzierte.

Tag 1

Die Keynote von Jacob Appelbaum (Video) war großartig. Mit matrixmäßigem Outfit hielt er eine Klassensprecher-Rede, die Stallman oder Lessig auch nicht besser hätten machen können. ZL; NG: Baut weniger Überwachungssysteme, schreibt mehr Freie Software, betreibt Tor-Knoten. Für Freiheit und Lolis!

Direkt danach redeten maha und Kai Biermann über Neusprech im Zeitungskontext (Video). Die Audiospur der Aufzeichnung wechselt leider mittendrin auf die Simultanübersetzung, hoffentlich repariert das noch jemand.

Den Leuten neben der ACAB-Mauer zeigte ich meinen Synthesizer libglitch (Demo-Video). Ich wollte die glitched-Visualisierung über die ACAB-Python-Schnittstelle auf der Wand darstellen und sprach jemanden mit einem Macbook an. Als der via Paketverwaltung SoX installierte, holte das System nicht nur lame und vorbis-tools, sondern auch libpng, Python, GTK+ und Qt … und kompilierte das alles, was dauerte. Ich ging daraufhin – und empfehle hiermit OS X-Nutzern, lieber gleich Gentoo zu installieren.

Ich und meine Freunde bekamen bunte Karten zugesteckt, deren Gebrauch uns unklar war. Also erfanden wir eigene Spielregeln; foxitalic schlug etwa vor, dass grüne Karten einen Anspruch auf sexuelle Gefälligkeiten kodifizieren. Andere bastelten mit den Karten Bilder (Beispiel). Kartenspiele waren dieses Jahr ernstes Geschäft, mehr dazu weiter unten.

Tag 2

Bei zeitrafferins Workshop Sexuelle Beziehungen in Phantasie und Praxis – Vergewaltigung, eine Übung ging es unter Anderem um den inflationären Gebrauch des Begriffs rape culture und den Klotürskandal (Bild). Leider hatte sie weder Raum noch Mikrofon zur Verfügung; für die kleine speaker’s corner war der Andrang definitiv zu groß.

Später ging ich zum Vortrag von Violet Blue (Video). Sie redete von harm reduction – einer Strategie, gefährliches Verhalten (etwa von Suchtkranken) nicht zu verurteilen, sondern die damit behafteten Risiken zu minimieren. Beispiele sind kostenlose Kondome für Jugendliche, Abgabe von Spritzen an Heroinsüchtige und jailbreaking von iOS-Geräten.

Das Hacker Jeopardy (Video) war wie immer: Leute gehen auf die Bühne und blamieren sich mit der Chance auf einen Preis. Moderator ray machte wiederholt sexistische Kommentare, woraufhin eine kleine Gruppe die Veranstaltung störte; Liron ging einfach. Verwundert hat mich die (fehlende?) Strategie der Teilnehmer; außer Andreas Bokg wählte niemand Felder mit hoher Punktzahl. Keiner der Teilnehmer kannte vi.

Tag 3

plomlompom und ich trafen Volker Bombien vom O’Reilly-Verlag, um unser Buchprojekt zu besprechen. Danach schaute ich mir den Fnord Jahresrückblick mit Frank Rieger und fefe an und hörten 3000 Leuten beim Poppen zu.

Abends in der Bar bemerkte foxitalic, dass ich bei lauter Musik entweder schreie oder lalle (weil ich mich selbst nicht hören kann). Ich spielte dann noch ein Spiel, bei dem Kleinpferde einander verkloppen (Foto, Video) und fragte vergeblich nach dessen Quellcode.

Tag 4

Nach dem Aufstehen ging ich erstmal zu den Lightning Talks. Ich wollte da eigentlich einen Kurzvortrag zum Open Access Media Importer halten (Folien) — die waren aber nicht angekommen, weil Nick Farrs Mailserver scheduled downtime hatte. m(

Der nachfolgende Vortrag von bx (Video) zeigte, wie man die Metadaten von ELF-Dateien als Programmiersprache nutzen kann. Ich halte das ja für ein soziales Problem, wenn dumme (bzw. faule) Programmierer alles turingvollständig machen und fragte, wie man das unterbinden könne; bx empfahl, schlechte Beispiele zu sammeln.

Billige Lacher gab es (wie immer) bei den Security Nightmares (Video); das sollten sich alle zu Gemüte führen, die sich gerne über WhatsApp-Lüfterjungen lustig machen.

Belästigungen

Für Belästigungen waren dieses Jahr Mitglieder der sog. Flauscheria zuständig; die sich maßgeblich durch Pöbelei, Gewaltandrohungen und Sex-Feindlichkeit profilierten und mit diesem Verhalten – so die Selbstbeschreibung – eine breite Diskussion über die Umsetzung der Anti Harassment Policy auf dem Congress lostraten.

Um anderen Besuchern ohne großes Aufsehen zweisprachig Schläge androhen zu können, hatte die Flauscheria kleine Pappkarten, sog. Creeper Cards, mitgebracht; martl erklärt das in ihrem Blog. Auf Nachfrage erfuhr ich, es gäbe nur ein rhetorisches Problem – die Gewaltandrohung will sofakissen zum nächsten Jahr subtiler formulieren.

Rote Karte mit der Beschriftung: „Du solltest froh sein, dass du nur diese Karte und keinen Schlag ins Gesicht bekommen hast […] beim nächsten Mal könntest du weniger Glück haben.“
Rote Karte, verteilt von der Flauscheria (Ausschnitt)

Die Flauscheria vermittelte eine generelle Spaßfeindlichkeit: sofakissen löschte die alternativen Kartenspiel-Regeln und erwirkte die Sperrung der Wiki-Seite; selbst Knutschen war bei der Flauscheria verboten. Das machte schlechte Laune: Am Morgen des dritten Tages erzählte foxitalic mir von einem Alptraum, in dem sie auf dem Kongress Leute (etwa mspro) belästigte.

viirus42 verwies erst mich und später Alexander Morlang (Irrtum meinerseits: viirus42 hat nur mich verjagt.) aus dem Flauscheria-Bereich, störte das Hacker Jeopardy ohne konkrete Begründung und deklarierte als Reaktion auf einen Tweet das Bastelwerkzeug zum Tötkolben: son lötkolben kann schnell ausrutschen.

Tweet von viirus42: Son Lötkolben kann auchmal ausrutschen.
Sicherheitshinweis von viirus42 (Danke, fengor)

Letztendlich war das Verhalten der Flauscheria eine Denial-of-Service-Attacke gegen das Antikonflikt-Team (das übrigens hervorragende Arbeit leistete); Andreas Bogk bewertete es als unkonstruktiv und dialogverweigernd; skytee witzelte sogar über von Diensten bestellte Störer.

Mir selbst war der von der Flauscheria ausgehende Stress wesentlich unangenehmer als das Verhalten der betrunkenen jungen Frau, die mir aus einer Laune heraus die Brille aus dem Gesicht schlug – sie hatte mir eine grüne Karte gegeben, die ich nicht aufbewahrt hatte.

Auf dem 29C3 gab es übrigens eine Klotür mit eindeutiger Konsensnachricht – philipsteffan entfernte die Beschilderung. Bisschen fetischfeindlich, nicht?

fefe hat noch etwas dazu geschrieben.

Die AG Flausch hat eine Linkliste zum Thema.

02. Januar 2013 von erlehmann
Kategorien: Netzkultur, Netzpolitik, Rants, Technik | Schlagwörter: , , , , , , | 6 Kommentare

Zur Zuckerberg-Doktrin

Beim Streit der Woche der taz geht es dieses Mal um Facebook. Vermittelt durch zeitrafferin habe ich dazu etwas geschrieben:


Viele Menschen haben eine autoritäre Sehnsucht nach Identität. Sie brauchen die Schablone des Facebook-Profils: Nur mit Name, Ausbildung, Arbeitsplatz, Wohnort, Beziehungsstatus finden sie Freunde.

Gemäß der Zuckerberg-Doktrin hat jeder Mensch eine Identität innerhalb normierter Parameter. Abweichung sind nicht vorgesehen: Kein Profil enthält Vorstrafen, Transsexualität oder mehrere Liebesbeziehungen.

Facebook ist ein totales System, ein Netz im Netz. Beiträge sind unzugänglich von außen und nicht durchsuchbar. Nutzer denunzieren sich gegenseitig, Zensoren beseitigen Nacktheit und Pornografie. Verweigerer trifft Gruppenzwang: Wer nicht dabei ist, wird nicht auf Parties eingeladen.

Zur Motivation erhalten Nutzer portionierte Aufmerksamkeit für das normierte Leben. „Like“-Leckerlis sind vorgetäuschte Orgasmen für eine Milliarde Narzissten.

Werbern, Polizei und Nachrichtendiensten gefällt das. Doch die Schablone verhindert Kreativität und Kultur: Facebook ist ein asoziales Netzwerk.


Auch zeitrafferin äußert sich zum Thema.

Die taz hat meinen Text ohne Rücksprache gekürzt. Hier seht ihr die Unterschiede.

Ich erhielt ein Belegexemplar (PDF).

01. Dezember 2012 von erlehmann
Kategorien: Netzpolitik, Rants | Schlagwörter: , , | Schreibe einen Kommentar

Linkschleuder (28)

Spiele (kurz)

Spiele (lang)

Musikvideo

Comics

Kultur

Spieledesign

26. November 2012 von erlehmann
Kategorien: Linkschleuder | 1 Kommentar

Lautheit angleichen mit dem loudfucker

Amateur-Podcasts und Interviews haben oft deutliche Variationen in der Lautheit, etwa durch unterschiedlich laute oder sich bewegende Sprecher. Sind weder Mischpult noch Headsets vorhanden, lassen sich diese Unterschiede nur in der Postproduktion verringern.

Auf dem zweiten Podlove Developer Meeting traf ich Georg Holzmann von Auphonic, der mir erklärte, wie man Lautheit innerhalb einer Datei angleichen kann (Blogpost dazu). So entstand der loudfucker, eine Anwendung, die Lautheit einer Datei auf ein einheitliches Niveau nach EBU R128 bringt.

Der loudfucker benötigt eine gepatchte Version des ebumeters, ist in Python geschrieben und lizensiert unter der GNU AGPLv3. Hier ist der Code.

GitHub geht nicht; den Code gibt es auch bei mir.

Das folgende Beispiel demonstriert den Effekt. Eine Methode, um Hintergrundgeräusche nicht lauter zu machen, habe ich nicht gefunden.

Aufnahme ohne Bearbeitung
Aufnahme nach Bearbeitung durch den loudfucker (./loudfucker.py metrolaut-erlehmann-spacken.wav)
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19. November 2012 von erlehmann
Kategorien: Audio, Bastelei, Software | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

Fotografiona in den Bundestag!

Bei der Piratenpartei Berlin gibt es eine Selbstverpflichtung zur Bundestagswahl 2013: Dort erklären die Unterzeichner* auf die ersten 4 Plätze der Berliner Liste Frauen zu wählen. Eine Kandidatin ist Fotografiona, die ihren Mitgliedsbeitrag zwischenzeitlich eher als Popcornfinanzierung betrachtete.

Wie es sich bei den Piraten gehört, hatte sie eigentlich vor, auszutreten – doch dann entschied sie sich anders. Ihr Programm: Programmieren.

Die Kandidatur wird unterstützt vom Abgeordneten Simon Kowalewski. Auch Spiegel-Online-Redakteur Ole Reißmann würde Fotografiona wählen findet politisches Engagement gut.

Fotografiona zieht ihre Kandidatur zurück.

Programmieren statt Politik! Fotografiona
Foto von Fiona Krakenbürger, Lizenz WTFPL (SVG-Version, benötigt Bebas Neue)

16. November 2012 von erlehmann
Kategorien: Kunst, Originärer Inhalt, Politik | Schlagwörter: , , , , | 5 Kommentare

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