Die Welt ist gar nicht so.

Sie ist ganz anders.

Archiv für Tag „berlin“

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Szenario 2020 — Das mobile Internet

Wo ist das nochmal ? Per Jabber sende ich Tina den Wegpunkt, zusammen mit dem Link zur Veranstaltung: „Holofilmproduktion“ lautet der Titel des Seminars, für das wir uns per Webform angemeldet haben. Dann trage ich sie auf die Whitelist derer ein, die meinen aktuellen Aufenthaltsort einsehen können, zeitlich befristet für die nächsten vier Stunden. Sie tut Ähnliches, schließlich chatten wir noch ein paar Minuten, bevor ich meine WG in Friedrichshain verlasse.

Bezahlen muss keiner von uns beiden für den Traffic — das berliner Mesh-Net leitet die Datenpakete überall dorthin weiter, wo Router sind. Seit schwedische Hacker 2013 die Software als Erweiterung für die mobile Mozilla-Variante Fennec präsentierten, läuft das notwendige Programm auf jedem halbwegs neuen Handy, durch die hohe Bevölkerungsdichte umfasst die Wolke nahezu den ganzen Bereich innerhalb des Rings.

Was nicht auf diesem Weg vermittelt werden kann, wird verschlüsselt über Knoten mit Internetanbindung geroutet. Gut, so schnell wie eine direkte Funkanbindung bei einem kommerziellen Anbieter ist das Ganze kaum — aber für Chats, Web und kurze Multimedia-Clips reicht es. Und ganz nebenbei umgeht man mit diesem System die überall eingesetzten Netzfilter, die sämtliche Inhalte auf Pornografie, Urheberrechtsverletzungen und unerlaubte Werbung überprüfen. Fast jeder kennt einen, den es erwischt hat — und als vor Kurzem sogar im Senat Rechner mit illegalem Inhalt entdeckt wurden, erklärte man die Karriere der verantwortlichen CDU-Politikerin kurzerhand für beendet.

In der S-Bahn lese ich die Feeds, die sich in den letzten Stunden angestaut haben — Fefe verlinkt ein Blip einer Polizeidrohne, nach dem bei einer Demo in Bayern zwei Leute durch Taser starben, verschiedene kleinere Blogs berichten ebenfalls. In etwa einer Stunde wird das Thema die Tagesschau füllen, schätze ich. Ansonsten nicht viel Erwähnenswertes: Lobo von der SPD überlegt öffentlich, aus der Bundespolitik auf EU-Ebene zu wechseln, auf 4chan /tv/ erfahre ich von einer neuen Scifi-Serie aus China; per SSH starte ich den ByteTorrent-Client auf meinem Rootserver.

Am Alexanderplatz steigt eine Gruppe jugendlicher Emos zu. Alle haben sie einen dieser unverwechselbaren Buttons auf der Brust, die schon meine sechsjährige Nichte als iPhone Nano identifizieren könnte. Nachdem sie sich im Raum verteilen, geht das Surround-Konzert los, natürlich absichtlich übertrieben laut. Genervt greife ich nach meinem Fon; nach ein paar Tastendrücken ist Ruhe — immer noch beherrschen viele Geräte Wireless USB nur unzureichend. Bis die verwirrten Kids begreifen, was passiert ist und jeder von ihnen sich bemüht, den winzigen Reset-Knopf auf der Rückseite zu drücken, bin ich schon längst wieder draußen.

Während ich in die O’burger einbiege, schaue ich kurz nach Tina: Klar, sie verspätet sich, OSM zeigt ihr Icon noch etwa 1,5 Kilometer, ganze 12 Minuten entfernt. Genügend Zeit also für einen Döner, den ich drahtlos bezahle, mit 35 GoogleCredits.

Die gesamte Vision gibt es natürlich auch als Textdatei (3000 Zeichen, Unix-Zeilenumbrüche). Und wer sich wundert, warum ich auf einmal unter die Literaten gehe, klicke bitte hier.

Ich habe natürlich gewonnen und laufe jetzt seit einigen Tagen mit einem T-Mobile G1 herum, auf dem ich auch bald Debian installieren werde — die Android-Software hat nämlich merkwürdige Kinderkrankheiten (und ich zur Zeit keine root-Rechte auf meinem eigenen Gerät). Meine Beiträge aus dem Shiftlog übertrage ich dann in den nächsten Tagen hierhin, sobald ich mal wieder Langeweile habe.

erlehmann
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WLAN für Berlin: Bald Start des Pilotprojekts

Heute Gestern morgen habe ich mir nach einem Hinweis des Abgeordneten Stefan Ziller ins preußische Parlament Berliner Abgeordnetenhaus begeben, um mir die 32. Sitzung des Ausschusses für Verwaltungsreform, Kommunikations- und Informationstechnik anzuschauen — das Thema „WLAN für Berlin“ stand auf der auf der Tagesordnung. Nun also die Fakten:

  • Der Senat wird kein Funknetz betreiben, sondern die Errichtung eines Netzes unterstützen. Man will hierzu hauptsächlich mit zertifizierten Netzbetreibern zusammenarbeiten und ist aktuell mit zwei Unternehmen im Gespräch.
  • Dieses Netz soll — das wurde mehrmals erwähnt — aus kommunizierenden Hotspots bestehen, also ein Mesh-Netzwerk sein.
  • Der Basisdienst wird vermutlich bestimmten Beschränkungen in (Bezug auf Geschwindigkeit, Zeit oder verfügbare Dienste / Ports) unterliegen.
  • Zielgruppe sollen nicht nur Touristen sein, sondern alle. Man erkennt die Bedeutung von Funknetzen für die berliner Kreativwirtschaft an (siehe auch den Kulturwirtschaftsbericht Berlin 2008, Abschnitt 5.6)
  • Die Einrichtungskosten sollen sich in der 100.000€-Größenordnung befinden. Über Kosten für die Nutzer ist noch nichts bekannt.
  • Der Zeitplan für das Pilotprojekt sieht vor, dass dieses ASAP startet, angepeilt wird ein Beginn in zwei Wochen. Das Testnetz soll dann drei Monate plus X betrieben werden, um weitere Erkenntnisse zu erlangen.

Die Frage Zillers, inwiefern Berlin sich auf Bundesebene für Rechtssicherheit beim Öffnen privater Funknetze (Stichwort Störerhaftung) einsetzt, wurde nicht positiv beantwortet — offenbar hält man es im Senat nicht für notwendig, derartige Handlungsmöglichkeiten zu prüfen. In seinem Blog zeigt sich er folglich unzufrieden damit; Denn es ist schon paradox einerseits BürgerInnen quasi zu verpflichten ihre WLan-Netze dicht zu machen, aber anderseits ein freies WLan aufzubauen..

Was die Einbeziehung der Freifunk-Community angeht: Gespräche wurden offenbar vor einiger Zeit bereits geführt — welches Ausmaß diese erreichten, konnte ich allerdings nicht in Erfahrung bringen; cven meinte jedoch, er wolle den Kontakt wieder auffrischen. Inwiefern man sich mit anderen Stadtverwaltungen kurzgeschlossen hat, wurde nicht erörtert.

Fun fact: Die Federführung liegt in der Wirtschaftsverwaltung, genauer gesagt im Bereich für „Wirtschaft, Technologie und Frauen“ — auf der Visitenkarte des Verantwortlichen steht allen Ernstes „WTF“.

erlehmann
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Die Berliner Stadtmusikanten

Etwas besseres als die Festanstellung finden wir allemal ! prangt in roten Lettern auf der Rückseite des Covers der diesen Monat erschienenen Taschenbuchausgabe von Wir nennen es Arbeit (8,95€; Heyne), und noch vor dem Vorwort wird mit einem Brecht-Zitat nachgetreten: Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes ? Nachdem mir Rainer der Genfuchs bei einer nächtlichen Unterredung nahegelegt hatte, das Buch doch einmal zu lesen – es würde meinem Lebensentwurf und insbesondere dem, was ich in Berlin zu finden versuche, ganz gut entsprechen – bestellte ich es letzten Donnerstag (sicherlich auch, weil ich den Namen Sascha Lobo schon einmal bei Spreeblick und anderswo gelesen hatte). Um es vorab zu sagen: Ich bin verzückt von diesem Sammelsurium wunderbarer Geschichten aus der Welt der vernetzten Einzelkämpfer; und das, obwohl mir weite Teile bereits aus den Massenmedien bekannt waren: Die Agenten der Zentralen Intelligenz Agentur haben ganze Arbeit geleistet.

Doch worum geht es überhaupt ? Wie bereits angedeutet, behandelt das Buch verschiedene netzaffine Subkulturen, deren Lebensansätze vor allem zwei Dinge gemein haben: Erstens handelt es sich um Freiberufler, zweitens wären die von ihnen besetzten Nischen im wirtschaftlich-kulturellen Komplex ohne das Internet nicht entstanden (bzw. nicht in einem nennenswerten Maß nutzbar). Darüber hinaus lassen sich wenige Gemeinsamkeiten ausmachen – Journalisten, Programmierer, Künstler (im weitesten Sinne), Blogger, Ebay-Powerseller und sicherlich auch einige Progamer sind vertreten in dem, was die Autoren raffiniert als digitale Bohème bezeichnen, und deren Phänomenologie die Autoren sich anschicken in elf Kapiteln – jeweils zwischen 20 und 30 Seiten lang – zu ergründen. Glaubt man dem Vorwort, so hatten sie dabei nicht nur Schwierigkeiten, ihr Manuskript überhaupt produziert zu haben (14 Verlage lehnten es ab), ja sie selbst hätten am wenigsten damit gerechnet, dass es überhaupt irgendwo an- oder ein-schlägt – heute, nach einigen Hypes mehr leuchtet jedoch ein, wie derart präzise sie da einen Nerv getroffen haben, der ihre Nachricht direkt in die Feuilletons der Totbaum-Medien weitervermittelte.

Passend zum Thema beschäftigt sich das erste Kapitel mit dem Begriff (hier: Prinzip) der Bohème: Von den Anfängen dieser 1830 in Paris entstandenen dritten Klasse (neben Bourgeouisie und Proletariat) bis zu den von Mercedes Bunz propagierten urbanen Pennern wird da so einiges behandelt, der Schwerpunkt liegt jedoch weniger auf trockener Historie, sondern vielmehr auf dem mit Zugehörigkeit zur kreativen Klasse verbundenen Lebensgefühl und den wirtschaftlichen Auswüchsen desselben. Gewissermaßen als Schock wird sich dann in Kapitel zwei (Titel: Der unflexible Mensch) mit der Situation abhängig Beschäftigter (d.h. den Angestellten) und bedrückenden (lies: unterdrückenden) Konzepten beschäftigt, die Konzernhierarchien innewohnen; am bekanntesten ist hier wohl das Bullshit-Prinzip, doch bereits der schlichte Zwang zur stundenplan- (und nicht unbedingt ziel-)orientierten Arbeit unterscheide die Festanstellung vom selbst-bestimmten Arbeiten in fundamentaler Weise – für mich durchaus nachvollziehbar, wache ich doch lieber ohne Wecker auf.

Kapitel drei behandelt laut Überschrift die Währung Respekt, handelt allerdings eher von Aufmerksamkeit, und führt damit hauptsächlich auf Felder, in denen das Ausmaß medialer Rezeption bestimmend und somit von elementarem Interesse ist: Auf der Spex wird ebenso herumgehackt wie auf Big-Brother-Jürgen, Marc Ecko hingegen wird gelobt. Am Ende kommt man zu sprechen auf das neue Vitamin B – Beziehungsnetzwerke, die weniger durch familiären Filz als vielmehr durch Freundschaften mit nicht unbedingt geschäftlichem Charakter gekennzeichnet sind – und erwähnt ganz nebenbei, dass es Leute gibt, die auf Xing (Myspace für Vizerektoren) allen Ernstes [sic !] über neuntausend bestätigte Kontakte aufweisen.

Im folgenden Kapitel geht es dann um den konkreten Gegenentwurf zum Angestelltendasein: Work in Projects lautet das Credo jener, die – ganz nach Al Bundy – darauf hoffen, Geld mit dem verdienen zu können, was Ihnen mittelfristig Spaß macht (ja, an dich denke ich, Antonia). Armut, Zukunftsangst und die Notwendigkeit eines minimalen Auskommens – die Autoren sprechen hier von Brotjobs – als Kehrseiten der Do-it-yourself-Medaille … ach scheiß drauf ! Ich bin grad im St. Oberholz angekommen und hier sind mindestens hundert Leute mit Macs ! (Den nachfolgenden Text habe ich bereits vorher verfasst.)

Als Mangel empfinde ich die stellenweise fehlende Tiefe – zweifellos der umfangreichen Materie geschuldet, stört es mich doch sehr, wenn z.B. Fon und Freifunk erwähnt werden, der fundamentale Unterschied – Kontrolle der Nutzer über die Infrastruktur – jedoch ungenannt bleibt. Auch ließe sich wohl in manch ausschweifenden Textpassagen mehr Inhalt unterbringen: So wird das Prinzip von Creative Commons gleich mehrfach erwähnt, eine kurze Erklärung der Lizenzoptionen fehlt allerdings. Ansonsten stören neben (zu) oft auftauchenden Mac-Vergleichen (unmarkierter Adnation-Content ?) nur die gelegentlich eingestreuten Rechtschreibfehler (Toni Mahoni auf spreeblic.com ? Das hätte doch spätestens beim unit test auffallen müssen !).

Subjektives Fazit: Wir nennen es Arbeit ist Zustandsbeschreibung, Analyse und Manifest zugleich – man möge mir verzeihen, wenn ich es zu einem gewissen Grad auch als Anleitung verstehe, schließlich bin ich jung, bereits der Kultur wegen in die Hauptstadt der Vollbeschäftigung gezogen (Kapitel 6), verabscheue Bullshit (Kapitel 2), blogge (Kapitel 8) und träume von einer postindustriellen, individualisierten und egalitären Gesellschaft (Kapitel 11), in der man Geld mit dem verdienen kann, was einem Spaß macht (Kapitel 3). Vom erwähnten Cafe St. Oberholz werde ich daher gleich weiterziehen, zum heutigen Berliner Web-Montag.

Update: Auf die von mir emfundenen Mängel angesprochen meinte Lobo, das sich das Buch nicht an Menschen wie mich richte; eher sollen die Kreativen es ihren Eltern in die Hand geben, auf dass die endlich den Eindruck loswerden, ihr Spross würde ausschließlich faulenzen.

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